Halberstadts jüdische Vergangenheit zwischen Pogromnacht und gescheiterter DDR-Erinnerungspolitik
Carmine WeißHalberstadts jüdische Vergangenheit zwischen Pogromnacht und gescheiterter DDR-Erinnerungspolitik
Halberstadts jüdische Geschichte und das Erbe der NS-Verfolgung stehen seit einigen Jahren erneut im Fokus. In seinem neuen Buch untersucht Philipp Graf die Vergangenheit der Stadt – von der Zerstörung der Synagoge 1938 bis zum Scheitern der antifaschistischen Politik in der DDR. Auch die Gedenkstätte auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Langenstein-Zwieberge mahnt als Mahnmal die Gräueltaten der NS-Zeit an.
Der Untergang des jüdischen Lebens in Halberstadt begann mit der Pogromnacht vom 9. November 1938, als die Synagoge der Stadt demoliert wurde. Pfarrer Martin Gabriel von der Liebfrauenkirche bezeichnet dieses Ereignis als Ausgangspunkt für den Niedergang der Stadt. Halberstadt, einst ein blühendes Zentrum des neo-orthodoxen Judentums seit dem 19. Jahrhundert, sah seine jüdische Gemeinde unter der NS-Herrschaft systematisch vernichtet werden.
Schon 1949 wurde auf dem Gelände des ehemaligen KZ Langenstein-Zwieberge, wo Tausende durch Zwangsarbeit ums Leben kamen, ein erstes Mahnmal eingeweiht. 1969 gestaltete die DDR die Stätte zu einem Ort für politische Treuegelöbnisse um – direkt über den Gräbern der Häftlinge. In den 1970er-Jahren nutzte die Nationalen Volksarmee der DDR das Tunnelsystem des Lagers sogar als militärisches Depot.
In seinem Buch „Verweigerte Erinnerung“ analysiert Philipp Graf das ambivalente Verhältnis der DDR zur jüdischen Geschichte. Trotz antifaschistischer Rhetorik scheiterte das Regime oft daran, Antisemitismus konsequent zu bekämpfen. Zwar erschienen Werke wie Peter Edels „Die Bilder des Zeugen Schattmann“ oder Jurek Beckers „Jakob der Lügner“, doch jüdische Stimmen blieben randständig. Die niederländische Widerstandskämpferin Lin Jaldati, die 1952 in die DDR übersiedelte, nahm in Ost-Berlin drei Schallplatten auf – doch nach dem Sechstagekrieg 1967 verschwand sie aus den Programmen und kehrte erst Mitte der 1970er-Jahre zurück.
Erst kürzlich löste der Verkauf der Halberstädter Rathauspassagen 2018 an eine Immobilienfirma mit jüdischen Eigentümern Murren über einen angeblichen „Verkauf an die Juden“ aus. Grafs Forschung hinterfragt alte Deutungsmuster und fordert eine genauere Betrachtung sowohl rechtsextremer als auch linksautoritärer Tendenzen, die bis heute nachwirken.
Die Gedenkstätte Langenstein-Zwieberge und Grafs Buch unterstreichen, wie dringend die Auseinandersetzung mit Halberstadts Vergangenheit bleibt. Die Stadtgeschichte – von der NS-Verfolgung bis zur gescheiterten antifaschistischen Politik der DDR – ist ein Thema fortwährender Reflexion. Aktuelle Vorfälle wie die Debatte um die Rathauspassagen zeigen, dass antisemitische Haltungen weiterhin existieren und wachsamer Aufmerksamkeit bedürfen.






